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Aksel Waldemar Johannesen
Die Geschichte des Aksel Waldemar Johannessen ist eine spannende Geschichte von der Wiederentdeckung eines großen expresionistischen Malers, der zwischen 1880 und 1922 in Kristiania (heute Oslo) lebte.
Der Philantrop und Kunstsammler Haakon Mehren (geb. 1938 in Oslo) ist für die Wiederentdeckung des Malers verantwortlich. Zufällig stieß er in einem Lager auf einige seiner Bilder. Die Bilder standen der eklektischen Matisse-Kunst, die zu der Zeit inNorwegen vorherrschend war, so fern, daß sein Interesse sofort geweckt wurde. Zu seinem großen Erstaunen, fand Mehren in den traditionellen Quellen nicht eine einzige relevante Auskunft über den Künstler, der auch innerhalb der kunsthistorischen Institutionen ganz unbekannt war.
Eine unfassende Detektivarbeit wurde im Wege geleitet - zwei Jahre hindurch reiste Herr Mehren im Lande unher, er forschte in den Archiven und fand nach und nach kleinste Teilchen eines umfassendes Puzzelspiels. Diese fügte er zu einem Bilde zusammen, das dem Künstler weit über die Grenzen Norwegens hinaus Bedeutung verleiht.

Es gelang Mehren die einzige Tochter von Aksel Waldemar, Solveig Johannessen Schirmer, ausfindig zu machen wie auch die alte Hausgehilfin und spätere Assistentin, die 94-jährige Maja Johnsen, beide hatten ein unwahrscheinlich gutes Gedächtnis und einen großen Erinnerungsschatz aus dem sie schöpfen könnten. Als Informanten waren sie von unschätzbaren Wert.
Aksel Waldemar ist in Hammersborg, nahe der Dreifaltigkeitskirche, in einer der Armenviertel Oslos aufgewachsen. 7 semester lang besuchte er die staatliche Kunst- und Handwerksschule, in den beiden letzten Jahren ließ er sich unter Lars Utne als Bildhauer ausbilden. In dieser Zeit stellte er bis 1911 (im Rodin-Vigeland Stil) in der staatliche Herbstausstellung (Høstutstillingen) einige unbeudeutende Bildhauerarbeiten aus, verschwand aber danach von der Ausstellungsscene.
1907 heiratete er Anna Nilsen. Sie wurde für den Rest seines Lebens seine liebevollste Shütze und künstlerische Mithelferin. Sie verzogen nach Gjøvik (120 Km nördlich von Oslo), wo er in einer bekannten Möbeldesignfirma Arbeit bekommen hatte. Vier Jahre lang war er als Holzschnitzer und Möbeldesigner tätig.
Nach der Rückkeher nach Oslo begann er zu malen, doch ohne mit den anderen Malern Kontakt aufzunehmen. Sein ganzes Leben hindurch hielt er sich vom Kreise des bürgerlichen und snobistischen Malermilieues fern. Er lebte isoliert von den anderen Malern und entfaltete sich in seiner eigenen komplizierten Bild- und Gedankenwelt - die in einer realistischen und socialkritischen Kunst ihren Niederschlag fand.
Doch pflegte er und seine Frau Anna eine nahe Zusammenarbeit mit verschiedenen Theatern, besonders mit dem neu gegründeten "Det Norske Teatret". Sie richteten eine Nähstube ein, die für eine Reihe von Vorstellungen Kostüme herstellte. Das Theater wurde die Welt der Familie, und mehrere bekannte Dichter und Schauspieler gehörten zu ihrem Umgangskreis.
Weiterhin spielte das Ehepaar Johannessen eine ausschlaggebende Rolle bei der Bewahrung norwegischer Nationaltrachten und Tekstiltraditionen. Zu diesem Zwecke stifteten sie "Heimen" (Heimatwerke), das heute noch eines der wichtigsten Unternehmen zur Bewahrung norwegischer Handwerkskunst und Bauernkultur darstellt.
Durch diese Arbeit und durch die Arbeit mit dem Theater entstand eine nahe Freundschaft mit Norwegens großem nationalem Dichterpaar, Arne und Hulda Garborg. Johannesens waren oft in ihrem Haus "Labråten" in Asker zu Besuch. Der sogennante Askerkreis war ein bedeutender Sammelpunkt für die damalige geistige Welt Norwegens. Auch Norwegens großer Proletardichter, Kristofer Uppdal, war von Jugend an ein naher Freund Aksel Waldemars. Mehrere Sommer hindurch wohnten sie nebeneinander auf der Insel "Landøen" in Asker.
Im Jahre 1921 wurde Anna Johannessen schwer Krebskrank. Für Aksel Waldemar wurde dies eine so große Belastung, daß er seine Alkoholprobleme nicht mehr steuern konnte. Seine Trinkperioden wurden länger und länger. Eine Pleuritis in der Jugend hatte in gesundheitlich geschwächt, und er starb am 25. Oktober 1922 an einer Lungenentzündung.
Seine Frau Anna hatte damals nuhr noch vier Monate zu Leben. In dieser kurzen Zeit bestellte diese tapfere Frau ihr Haus. Sie sorgte dafür, daß ihre beiden Töchter gut untergebracht wurden (mit Hilfe von Hulda Garborg) und verkaufte das Unternehmen "Heimen" sehr günstig an den Bauernjugendverein (der es heute noch besitzt). Sie nahm ausserdem Kontakt mit dem Maler Ola Abrahamsson auf, um ihm die 90 Bilder zu zeigen, die Aksel Waldemar gemalt hatte, ohne daß es irgend jemandem bekannt war.
Das war ein freudiger Schock für Ola Abrahamsson. Bereits am 17. Januar 1923 hatte er es geschaft eine Debut- und Gedenkausstellung bei Blomqvist, dem leitenden Ausstellungslokal in Oslo, zu arrangieren.
Die Ausstellung der 90 Bilder wurde eine Sensation, und die Kritik war großartig, wenn auch viele seine direkte, realistische Botschaft nicht verstanden. Jappe Nilssen, der bedeutenste norwegischer Kritiker, der Entdecker und bester Freund Edvard Munchs, schrieb die vielleicht beste Kritik seiner Laufbahn: "...ich erinnere mich kaum ähnliches in der nordischen Malerei gesehen zu haben."
Munch war begeistert: "das Merkwürdigste das ich je gesehen habe" und "...heute werden keine besseren Bilder gamalt". Gustav Vigeland sendte der Witwe Geld. Man war schockiert, daß Aksel Waldemar erst nach seinem Tode bekannt wurde. Es bildeten sich Mythen um Armut, Not, Hunger und dem einsamen Sterben, ein Echo der Bohemzeit der 1880-Jahre. Die Bilder wurden dann eingepackt und verschwanden. Alles versank in völlicher Vergessenheit.
In seinem 1992 erschienenes Buch Aksel Waldemar Johannessen, Vår glemte maler (Aksel Waldemar Johannessen, unser verschollener Maler) hebt Haakon Mehren bei der Wiederentdeckung dieses Künstlers die neue Linie in der Norwegischen sozialkritischen Kunst hervor: vom Naturalisten und Kritiker des Burgertums Christian Krohg über den Estetiker Edvard Munch zum realisten Aksel Waldemar Johannessen führt eine Linie bis zum Modernisten Arne Ekeland. Er zeigt außerdem die große Linie in der norwegisch-deutschen Kunst, die von Johan Christian Clausen Dahl und Caspar David Friedrich - über die norwegischen München-Naturalisten und Wilhelm Leibl bis zu Munch, die Berlinersezession 1892 und zum Expressionismus führt. Die deutsche Philosophie, Ibsen, Garborg, Hamsun und Bjørnson-Simplicissimus waren Teile dieses Bildes. Er zeigt das Bahnbrechende in der Bildsprache des ersten Proletarmalers Norwegens, wie Aksel Waldemar der deustschen Kunst auf dem Wege zur "Neuen Sachlichkeit" 1925, zuvorkommt. (Obwohl er die norwegische Grenze nie überschritten hatte)
Tor Obrestad, Poet und Schriftsteller, findet in den Tagebüchern von Hulda Garborg 1912-23 reichhaltigen Stoff über Aksel Waldemar Johannessen, und er gibt eine Analyse der literarischen Situation dieser Zeitepoche. Außerdem macht er dem Künstler eine stark persönliche Liebeserklärung.
Prof. Dr. Øivind Storm Bjerke, ehemaliger Konservator am Høvikodden Kunstsenter (Sonja Henie-Onstad Stiftung), jetzt professor an der Universität Oslo, analysiert die einzelnen Bilder und gibt eine Übersicht der norwegischen Kunst- und Kritikerwirksamkeit in der Zeit um Aksel Waldemar Johannessen. Er zeigt, daß seine Kunst einen Cyclus über ihn selbst darstellt, einen Lebensfries, der mit den sensationellen Bildern "Kreuzigung" und "Verbannung" abschließt.
Prof. Dr. Sybille Karin Moser, Universit¨t Innsbruck, Kunstgeschichtlerin und Malerin, mit nahen Kontakten zu Sir Ernst Gombrich, dem großen Kunsttheoretiker unserer Zeit, stellt Aksel Waldemar in einen Kunstphilosophischen Zusammenhang dar. Sie weist unter anderem auf die 86-jährige Marie-Louise von Motesiczky hin, die letzte noch lebende Expressionistin aus der Zeit Aksel Waldemars. In einem Gespräch mit Sybille Moser erzählt sie von ihren Bildern der 20-iger Jahre (zwei davon hängen in der Tate Gallery), sie sprechen über Aksel Waldemar und über Maler mit denen sie zu der Zeit zusammen gearbeitet hat, darunter auch Max Beckmann.
Prof. Dr. Moser macht die Entdeckung von Aksel Waldemar Johannessens Lebenswerk zu einer Begebenheit der europäischen Kunstgeschichte, und sie stellt sich kritisch zu mehreren Phänomenen im deutschen Expressionismus und in der modernen Kunst. Sie versucht eine antwort darauf zu geben was echte Kunst "proper art" ist, wobei sie auf Denker wie Hans Belting und R. G. Collingwood baut.
Die Ausstellung von 1923 in der Galerie Blomquist in Oslo wurde 1992 in der selben Galerie mit riesigem Erfolg rekonstruiert. 1993 wurde diese in den Kunstmuseen von Stavanger, Skien und Bergen wiederholt. Im Verlauf dieser Präsentationen haben mehrere Museen und Galerien aus vielen Ländern ihr Interesse für diesen Maler bekundet.
Schließlich wurden unter Aufsicht von Prof. Dr. Erich Steingräber, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlung (Pinakothek) und Honorar professor an der Universität München, weitere Ausstellungen verangestaltet:
1994 im Palazzo del Tè in Mantua sowie im Dogenpalast zu Venedig und danach auf Schloß Maretsch in Bozen Süd-Tyrol. 1995 folgten noch Schloß Lamberg in Steyr und 1996 schließlich Berlin.
Mehrere 100.000 Personen haben während dieser Zeit Aksel Waldemar Johannessen und sein Werk kennengelernt. Mehrere hunderte Artikel wurden in Zeitungen und Zeitschriften ganz Europas veröffentlicht. Seit Eduard Munch war keinem Norwegischen Künstler ein solcher Erfolg im Ausland zuteil geworden.
Der Katalog über den Künstler und die Ausstellungen wurde vom Verlag Electa in Italienisch, Deutsch und Englisch gedruckt. (Redakteur: Prof. Dr. Erich Steingräber Aksel Waldemar Johannessen. Images of a Nordic Drama. Immagini di un dramma nordico. Bilder eines Nordischen Dramas. Electa, Milano 1994. Elemont editori associata).
Mehrere der bedeutendsten Museen und Institutionen Europas haben Gemälde von Aksel Waldemar Johannessen übernommen, unter anderem der bekannte Sammler und Museumsgründer Prof. Dr. Rudolf Leopold in Wien. Derzeit wird in maßgeblichen Kreisen erwogen, die Werke des Künstlers in einer größeren Institution dem Publikum dauerhaft zugänglich zu machen.